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Zeit für Wunder

Wir sitzen nebeneinander in der Bahn. Ich lehne mit meinem Kopf auf seiner Schulter. Kuschle mich an ihn, während er meinen Arm krault. Das Rauschen, das rhythmische Geräusch der Schienen als treuer Begleiter auf unserem Weg. In uns Ruhe, während der Zug durch die Landschaft zischt.
Ich sehe um mich, lasse meinen Blick durch die Menschenmasse schweifen und versinke in meiner Gedankenwelt. Irgendwo zwischen dem Buch des Mannes auf der Bank gegenüber und dem grässlichen Motiv der Sitzpolster, das mich irgendwie an eine Jacke aus den 80er erinnerte, reißt mich die Durchsage der nächsten Haltestelle aus den Gedanken. 
Ein kurzer Stopp. Menschen steigen ein, Menschen steigen aus. Und weiter geht’s.

„Worüber denkst du nach?“, frage ich ihn. Mit Neugier und Erwartung.
„Über nichts“, antwortet er als wäre es das Normalste auf der Welt. 
Nichts. Über nichts nachdenken. 
Ich fange an mich zu wundern. Wann habe ich das letzte Mal über nichts nachgedacht? Wann war es in meinem Kopf mal still, auch nur für ein paar Minuten? Es muss eine ganze Weile her sein, denn ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. 
Meine Gedanken sind eigentlich immer bunt und laut, manchmal lauter als erwünscht.
Wann habe ich das letzte Mal über nichts nachgedacht? Gedanken kreisen in meinem Kopf. Eine Achterbahnfahrt. Nicht immer anwesend im Moment, sondern hier und da und dort.

Als Kinder gehen wir durch die Welt mit offenen Ohren und Augen. Wir stellen Fragen über Fragen. Wir wundern uns. 
Wo ist diese Neugier? Wo ist dieser Forschergeist? Erstickt unter dem Berg von Aufgaben und Verantwortungen.
Keinen Platz für Wunder im vollgestopften Terminkalender.

Wir lernen Dinge einfach hinzunehmen. Es ist eben so, wie es ist. Aber was wäre, wenn nicht?
Ich möchte ein Stückchen Wunder in mir behalten. Der Peter Pan-Effekt – das Nicht-Erwachsen-werden-wollen. 
Möchte nicht über nichts nachdenken, aber eben auch nicht immer in Gestern oder Morgen verloren gehen.
Ich möchte mir das Hinterfragen, das genauer Hinsehen und das Wundern beibehalten.

Die Bahn fährt weiter. Unaufhaltsam. Du sitzt weiter ruhig neben mir, in dich gekehrt.
Vielleicht sollten wir uns zusammen tun. Du verankert im Moment. Voller Achtsamkeit. Und ich mit meinen Gedanken, die schneller Rauschen als der Zug über die Schienen.
Dann können wir wahre Wunder wahrnehmen, wahr werden lassen.

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